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Die Welt in Hessen zu Hause

»Cut up – Literatur im Zeitraffer«

Gute Literatur unterliegt keinem Aktualitätsdiktat. Unter diesem Aspekt haben Monika Carbe und Fatma Uzun von Literatürk Essen eine Collage zusammengestellt, die das 20. und beginnende 21. Jahrhundert repräsentiert: Passagen aus Halit Ziya Usakligils Roman „Verbotene Lieben“ aus dem Jahr 1900 stehen neben dem Anfang von Thomas Manns „Buddenbrooks“ von 1901, für die 1920er Jahre wurden ein Gedicht von Nâzim Hikmet – „Die Pupillen der Hungernden“ – und ein Ausschnitt aus Thornton Wilders Roman „Die Cabala“ ausgewählt, für die 1950er Jahre Texte von Ingeborg Bachmann und Fazil Hüsnü Daglarca, bis hin zu dem Gedicht „Afrique – Afrika“ von Muepu Muamba von 1981 und Durs Grünbein „Berlin, posthum“ von 2002. Musikalisch begleitet wurde der Abend am 27. April 2012 im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte von Riad Kheder auf der Oud, der Darabukka und der Riqq sowie von Adil Demirtas auf der Laute und der Baglama.

Musikalisch-Literarische Veranstaltung: Die Welt in Offenbach zuhause

Der kongolesische Dichter Muepu Muamba

Das Geheimnis für das Gelingen des Abends, der von rund sechzig Gästen besucht wurde, lag darin, dass die Mitveranstalter auch Mitwirkende waren, mit wenigen Ausnahmen. Die Arbeiterwohlfahrt war durch deren Migrationsbeauftragten Ali Karakale vertreten, der zum Schluss ein Lob auf Offenbach aus dem Buch von Mehmet Ali Zaimoglu, „Wenn das fremde Land zur Heimat wird“, vorlas, für die Modellregionen Integration rezitierte der Quartiersmanager Marcus Schenk so überzeugend u.a. Albert Camus aus den 1940er Jahren, dass man den Eindruck hatte, die Bühne sei sein wahres Betätigungsfeld. Von Steffen Schmidt, Diakoniekirche Offenbach, waren Texte von Thornton Wilder und Peter Handke zu hören, vom Verband deutscher Schriftsteller / Landesverband Hessen moderierte Monika Carbe, und Gerty Mohr rezitierte einen Ausschnitt aus einer Erzählung des türkischen Autors Ömer Seyfettin sowie aus Anna Seghers Roman „Transit“. Eine besondere Freude war es, Sybille Stallmann-Beseler vom Freiwilligenzentrum Offenbach zu hören, die aus dem Roman „Die Mieter des Herrn A.“ von Memduh Sevket Esendal las, von der Türkischen Gemeinde Hessen und der IKFA, der Interkulturellen Freiwlligenagentur wirkte Atila Karabörklü mit, und Hüsamettin Eryilmaz vom Deutsch-Türkischen Forum Stadt und Kreis Offenbach. Darüber hinaus war die Offenbacher Autorin Safiye Can zu hören; gemeinsam mit Jannis Plastargias trug sie einen Dialog aus Bertolt Brechts „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ vor. Einen Höhepunkt des Abends bildete der Vortrag des kongolesischen Dichters Muepu Muamba und Maria Nemeth; sie rezitierten das Gedicht „Afrique – Afrika“, mit dem das Bedauern über den Verfall zum Ausdruck gebracht wird.

Es war eine literarisch-musikalische Zeitreise von 1900 bis heute, dargestellt wurde u.a. auch die Rolle der türkischen Literatur im Konzert der Literaturen der Welt. Gemeinsamkeiten und Verbindendes wurden aufgezeigt, aber auch Widersprüche und Differenzen. Avantgarde und Experimentelles standen neben Konventionellem, Hauptkriterium aber war, ob Prosa, Lyrik und Passagen aus Dramen und Hörspielen die Zeit überdauert haben. Die Lebhaftigkeit des Vortrags und der Wechsel der Stimmen, untermalt von orientalischer Musik, kamen beim Publikum so gut an, dass alle Mitwirkenden mit herzlichem Beifall bedacht wurden.

An dieser Stelle sei auch den Werkstätten Hainbachtal und dem Verlag Größenwahn gedankt, die den Abend durch ihre Spenden ermöglicht haben.

Kontakt: Monika Carbe